Sprachgebrauch
Wenn der Schlaganfall das Sprachzentrum im Gehirn getroffen hat, können Wörter oder Sätze oft nicht mehr spontan erinnert oder deutlich ausgesprochen werden.
Daher benötigen sehr viele Menschen nach einem Schlaganfall mit Sprachstörung oft spezielle Therapien, in denen sie wieder lernen, Worte zu bilden, sich an früher gelernte Worte zu erinnern und sie dann möglichst deutlich auszusprechen. Diese Behandlungen werden durch Sprachheiltherapeuten oder Logopäden innerhalb einer Praxis oder Klinik durchgeführt. Trotz intensiven Übens und guter Fortschritte vermeidet es aber mancher, in der Anwesenheit von anderen Menschen zu sprechen, da er befürchtet nicht verstanden zu werden.
Innerhalb der Aktivitäts-Therapie mit Hund bieten wir Ihnen ein individuell abgestimmtes Sprachgebrauchs-Training an. Hier geht es in erster Linie darum, einmal ganz praktisch zu erproben, wo und wie man sich schon wieder recht gut verständlich machen kann. Dies gelingt am besten dort, wo man sich gut aufgehoben und sicher fühlt. Deswegen empfehlen wir bei einem Beratungsgespräch auch eher die "Strategie der kleinen Schritte", d.h. vor der Teilnahme am Bundespresseball ist es sinnvoll, erst einmal auf dem kleinen Parkett in einer Pizzeria, einem Bauerncafe oder bei einer Kleinkunst-Veranstaltung zu üben.
Ein gutes Beispiel
dafür ist eine ehemalige Mathematiklehrerin, die nach einem Schlaganfall regelmäßige Behandlung benötigte. Trotz sehr guter und intensiver Therapien sprach sie lange Zeit kaum etwas und konnte nur mühevoll am Stock gehen, den Rollstuhl lehnte sie ab. Durch ihren gesenkten Kopf, den angespannten Gesichtsausdruck, den meist abwehrenden Blick zeigte sie den Kollegen und mir jede Woche wortlos ihr Befinden. Erschwerend kam eine ausgeprägte Schmerzempfindlichkeit bei den Dehnungsübungen des Armes und der verkrampften rechten Hand dazu. Dadurch war es schwer, praktische Ziele zu finden, die dieser Patientin eine deutliche Verbesserung ihrer persönlichen Lebensqualität ermöglichen würden.
Ein Glücksfall
Glücklicherweise trat nach einigen Monaten „Lieschen“, eine 32 cm hohe Jack Russell Terrier Hündin, in unser Leben. Die Kleine hatte bei dem Vorbesitzer einige unangenehme Erfahrungen gemacht und war fremden Menschen gegenüber noch sehr scheu. Ich hatte Frau S. davon erzählt und ihr geschildert, was mein Mann und ich unternahmen, um dem Hund die Angst vor unbekannten Situationen zu nehmen.
Daraufhin brachte sie mir zu einem unserer nächsten Termine in der Ergotherapie ein Bilderalbum mit. Plötzlich lernte ich durch die Fotos eine ganz andere Frau kennen - eine die richtig lachen konnte, ihre Katzen und den Hund streichelte, ein Pferd striegelte, schlank und mit langen braunen Haaren, einem Mann an ihrer Seite und offenbar auf einem schönen großen Hof mitten in der Natur lebte. Zum ersten Mal sah ich für eine kurze Zeit Begeisterung und Freude in ihrem Blick und hörte sie andere und freundlicher klingende Laute sprechen, als die, die ich bisher kannte.
Plötzlich war auch meine therapeutische Begeisterung und Kreativität wieder geweckt, und spontan fragte ich Frau S., ob sie vielleicht Interesse daran hätte, mir ab und an bei der Ausbildung meines Hundes zum Therapiehund zu helfen, die erst weit nach der Prägephase an viel Neues und vor allem an Menschen mit ungewöhnlichen Bewegungen, Gehhilfe, Rollstuhl und Rollator gewöhnt werden musste.
Von der Patientin zur Assistentin
Eine solch begeisterte Assisstentin wie Frau S. kann sich jeder Firmenchef nur wünschen! Mit voller Konzentration widmete sich Frau S. nun einmal in der Woche meinem kleinen Hund, beachtete mich kaum, wenn ich ihre Spastik in der Hand löste, betrachtete ihn liebevoll, streichelte und bürstete ihn, und machte dabei viele grobmotorische Bewegungen mit dem Oberkörper und dem rechten Oberarm, die sie sonst nur sehr ungerne ausführte. Dazu begann sie, durch leise Töne mit dem Hund auf ihre Weise zu sprechen. Zuhause übte ich mit „Lieschen“, auf einige dieser Töne sich z.B. hinzusetzen, langsamer zu gehen oder mich anzuschauen, wenn ich etwas von ihr wollte. Dazu erlernte sie noch jeweils ein passendes Handzeichen. Und so konnte Frau S. von Woche zu Woche sich wieder auf eine kleine Zusatzeinheit mit ihrer vierbeinigen Gesprächspartnerin freuen, die seither diese vermehrte Aufmerksamkeit immer sehr genießt.
Normalität neu entdecken
Obwohl bei Frau S. aufgrund der Schwere der Erkrankung die Worte nur langsam zurückkommen, versteht sie jetzt deutlich mehr Worte, lacht manchmal und kann aktiver an Gesprächen teilnehmen, als vorher. Auch hat sie uns Therapeuten begreiflich machen können, wie sehr sie den Kontakt zu den Tieren, der Natur und anderen Menschen, außerhalb ihrer Familie, vermisst. Und zu unserer Freude bekam sie nach dieser Information von Ihrer Familie inzwischen schon zweimal einen Urlaub auf einem Reiterhof geschenkt, der auf die speziellen Bedürfnisse für Menschen mit krankheitsbedingten Einschränkungen spezialisiert ist. Leider fiel der erste wegen des schlechten Wetters teilweise „ins Wasser “, dafür sprach das strahlende Gesicht von Frau S. auf den Fotos des zweiten Urlaubs Bände!
Inzwischen haben wir auch zuerst mit, dann ohne Hund, ein Einkaufstraining auf dem Markt beendet. Frau S. kauft nun einmal in der Woche in Begleitung auf dem Markt das ein, was sie gerne essen möchte, kann sich ihren Kaffee am Bäckerstand selber bestellen und am orientalischen Stand kleine Gespräche mit dem freundlichen Standbesitzer führen. Hin und wieder sind wir auch im Sommer mit dem Rollstuhl zu unserem Lieblings-Eiscafe gefahren, wo Frau S. dann die Momente genießt, in denen ich mich für einige Minuten vom Tisch entferne, sie einfach ein ganz normaler Gast sein kann und sie „Lieschen“, unseren wunderbaren kleinen Therapiehund, für Momente ganz für sich alleine hat.
Zukunft
Welche Pläne Frau S. für das Jahr 2008 hat und was sie schon davon verwirklichen kann lesen sie im Laufe des Jahres
Text:
Ricarda Alexander, Ergotherapeutin
